Kurzgeschichte: Die Seele ist das Minimum

Kurzgeschichte: Die Seele ist das Minimum

  Sonstiges        05.01.2017
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Ein Mann und ein Junge sitzen an einem Bach und lauschen dem Vogelgezwitscher. Da holt der Mann eine kleine, schimmernde Perle aus seiner Tasche und reicht sie dem Jungen. „Was siehst du?“, fragt er ihn. Der Junge antwortet: „Eine Perle.“ Und dreht die kleine Kugel zwischen seinen Fingerspitzen. „Und welche Eigenschaften hat diese Perle?“, fragt der Mann. Der Junge antwortet: „Naja, sie ist weiß und sie glänzt schön. Sie reflektiert das Licht und hat kaum einen Makel. Nur an den Stellen, an denen die äußere Schicht ein wenig abgenutzt ist sieht man, dass darunter bloß so etwas wie Kalk zu sein scheint. Sie ist beinahe perfekt rund. Sie ist vermutlich wertvoll, weil so etwas schwer zu finden ist. Sie ist scheint auch empfindlich zu sein, denn an den Stellen an denen kein Glanz mehr ist, sieht sie ziemlich bröckelig aus.“

„Und wozu ist sie da?“, fragt der Mann. Der Junge überlegt einen Augenblick und sagt: „Um sich damit zu schmücken.“
Der Mann nimmt ihm die Perle weg und sagt: „Du tust ihm Unrecht.“ Der Junge versteht nicht, was er falsch gemacht haben soll. „Wieso IHM?“, fragt er verwundert. Da schmunzelt der Mann und lobt den Jungen dafür, dass er bereits gelernt hat, im Leben genau die richtigen Fragen zu stellen.
„Schau hier…“, sagt er und legt sich die Perle auf seine flache Hand, wo sie bei jeder kleinen Bewegung die Sonnenstrahlen auf sich umhertanzen lässt. „Mit dieser Perle ist es wie mit den Menschen und wie mit allen Dingen: Wir ordnen Ihnen Begriffe und die dazu passenden Eigenschaften zu, weil wir es so gelernt haben. Wir bewerten sie danach, wie dienlich sie uns sind. Wir sehen sie als das, als was sie uns erscheinen. Wir prüfen mit all unseren Sinnen: Wir sehen, wir hören, wir riechen, schmecken und tasten und können bestätigen, dass das hier eine Perle ist. Aber sind die Dinge denn nur das, was wir wahrnehmen können? Ist unsere Welt nur das, was wir mit fünf Sinnen identifizieren können? Schau, diese Perle war einst ein Sandkorn oder ein Parasit, der in eine Muschel geriet. Seine neue Gestalt gab ihm die Muschel, die ihn als Fremdkörper empfand und eine Perle um ihn formte. Du tust seiner Seele Unrecht, wenn du ihn auf seine Erscheinung reduzierst und nicht auf sein Minimum.“

„Also geht es darum, Dinge auf ihr Minimum zu reduzieren und das ist dann fair? Ist es nicht etwas Gutes, wenn wir mehr in Dingen sehen, als sie sind? „Perle“ ist doch ein schönerer Name als „Sandkorn“ oder „Parasit“ und wenn das hier mal ein Parasit war, ist er doch nun eine Perle und eine Perle ist mehr als ein Parasit.“, sagt der Junge. Der Mann antwortet: „Das ist deine Bewertung mein Junge. Du denkst, dass eine Perle wertvoller ist als ein Sandkorn, weil man dir erklärt hat, dass eine Perle schwerer zu finden ist, als ein Sandkorn. Sand gibt es überall und nach Perlen muss man tauchen. Innerhalb dieses Systems gebe ich dir also Recht. Wenn du dir aber vorstellen kannst, dass jedes Sandkorn, jede Perle und jeder Mensch einzigartig ist, wäre es dann einfach, genau dieses Sandkorn zu finden? Nun mache ich aus dieser Perle nicht weniger, als sie ist, indem ich sage, dass ihre Seele ein Parasit oder Sandkorn ist, denn sie ist und bleibt eine Perle, weil es sich so entwickelt hat. Dennoch kann ich mit keinem Recht behaupten, dass die Perle an sich mehr wert ist, als ein Sandkorn. Ich könnte lediglich behaupten, dass sie besser dazu dient, mich zu schmücken. Dennoch kann ich mich ohne ein schlechtes Gewissen zu haben an ihrer Schönheit erfreuen. Verstehst du den Unterschied? Es geht nicht darum, sich mit Sandkörnern zu schmücken. Ich sage nur, dass du Fragen stellen sollst, um die Geschichte und die Seele im Inneren einer jeden Sache zu entdecken, denn das ist, was jeder von uns und alles um uns herum verdient. Hast du gelernt, die Dinge für das zu schätzen, was sie in ihrem Kern sind, kannst du mehr in ihnen sehen, als das, was die Umstände, ihr Umfeld, ihre Erscheinung oder ihr aktueller Status für den Rest der Welt aus ihnen macht. Du siehst mehr als Vor- und Nachteile, Zeck und Dienlichkeit. Für die Welt ist die Perle eine Perle und du bist ein Junge. Würde ich nicht mehr in dir sehen, würde ich dir das hier nicht erzählen. Nun hat ein Sandkorn keinen Einfluss darauf, ob er zur Perle wird, oder nicht. Du aber kannst dich zu dem entfalten, was du sein möchtest. Deine Seele aber bleibt das Minimum.“
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